Vom Appetit

Meine Oma sagte immer, Appetit komme beim Essen. Der Fraß, den sie zusammenkochte, wurde allerdings auch durch langsames, einstündiges Hineinwürgen nicht besser. Essen als Disziplinierung, verabreicht nach der Schule und vor den Hausaufgaben. Andere Leute meinten, Liebe gehe durch den Magen. Ich kenne nur eine, deren Kochkunst immer auch mit Liebe verbunden war und ist und die sich von Anfang an um Geschmack bemüht hat.

Bei anderen wurden die Gerichte schnell zur Routine: etwas Hackfleisch, drei Zwiebeln kleingeschnitten, Oregano und Tabasco, fertig ist die Spaghettisauce. Aber es schmeckt nicht. Es schmeckt nur scharf. Man hätte gleich Chilischoten hineingeben können, das wäre farbiger geworden.

Die schönen Heringe. Am frühen Morgen waren sie in einem Logger an der Kaje in Elsfleth angekommen, und die Besatzung verkaufte sie an die Kunden, die so früh aus dem Bett gefunden hatten. Meine Oma hat die beiden Fische in einen Topf mit weißem Sud gelegt: Dort waren sie wie Gefangene, die nicht fliehen konnten – bis zum bitteren Ende, und nur ihre trockene, zähe Eiweißstruktur blieb übrig.

Auch die schönen Schollen und der Heilbutt starben einen zweiten qualvollen Tod in der Küche und taugten eigentlich nur noch als Einlegesohlen für die viel zu großen Schuhe, die man mir verpasste. Meckerte ich über all die zerkochten Fisch- und Fleischstücke, hieß es immer, ich möge nur Gesottenes und Gebratenes. Dergleichen komme in Pommern nur an Sonntagen auf den Tisch, werktags habe es nur Pellkartoffeln mit Hering gegeben. — Für ein solches Gericht muss man heute richtig viel bezahlen, denn die Meere sind fast leergefischt. Und der Fisch lebte einst, als er noch im salzigen Nass herumtoben durfte, in der Nähe grönländischer Eisberge.

Aber wieso musste dann der schöne Hering so zerkocht werden, fragte ich meine Mutter. „Sie hat es nicht anders gelernt“, hieß die Antwort. Richtiger Braten wurde höchstens einmal im Monat serviert, Weihnachten oder wenn die Verwandten zu Besuch waren. Schweine- und Rinderbraten mit Sahnesoße, dazu gedünstete Bohnen oder Rotkohl. Plötzlich war es möglich, so zu kochen.

Jahrzehnte habe ich um Fisch einen großen Bogen gemacht, bis mich ein Student in ein Fischrestaurant am Kölner Barbarossaplatz einlud. Dort aß ich das erste Mal in meinem Leben Fisch, der mir schmeckte.

Ein Kellner brachte zwei duftende Teller, mit Seelachs, der vor Zartheit im Mund zerfiel, in einem herrlichen Backteig gebraten, dazu selbst gemachter Kartoffelsalat und ein paar Tomaten- und Gurkenscheiben. Es schmeckte mir derart, dass ich die soundsovielte Variation der Lebensgeschichte meines Begleiters geduldig überhörte. Die Sinne fühlten sich bei Pfeffer, Paprika, Zitrone, Röstaromen zu Hause.

Wen interessieren aber solche Erlebnisse, außer denen, die auch in einer kulinarisch barbarischen Zeit aufgewachsen sind, welche von Medien und anderen öffentlich-rechtlichen Personen als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet wird? Ich treffe immer nur Gesichter, deren Münder bekunden, sie betrachteten die Vergangenheit als vergangen, das sei ja alles nicht mehr wahr, wer wolle daran erinnert werden. Lieber wird über das schlechte Wetter, die hohe Abgabenlast und die ehemalige DDR gesprochen. Und die Eurokrise natürlich.

Da wird jemand 60 Jahre alt, hat die Zeit als Kind, Schüler, Student durchlebt, aber die zerkochten Fische, die fetten Soßen, die eigentlich nicht schmecken, die Makkaroni mit Semmelbrösel und Pflaumenkompott. Zum Kochfleisch — es schwammen ein paar Knochen in der hellen Soße herum — gab es zerkochte Bohnen, deren Vitamine bereits das Zeitliche gesegnet hatten. Hin und wieder fanden Erbsen den Weg ins Essen, auch Möhren, die dort, wo ich aufwuchs, „Wurzeln“ genannt wurden – oder, auf Plattdeutsch: „Wuddeln“. An Weißkohl erinnere ich mich nur, wo er als Sauerkraut ankam – meine Mutter arbeitete nach dem Krieg in einer Sauerkrautfabrik. Grünkohl, Kohl und Pinkel: gab es offenbar auch erst Jahre später.

Dafür im Winter: „Wruken“, Steckrüben. Vermutlich lassen sie sich so zubereiten, dass man sich nicht Jahrzehnte zurückversetzt sieht ins Jahr 1917. Und Kartoffeln. Kartoffeln jeden Tag und alle Jahre. Selten in Form von Kartoffelbrei, wie ich es damals lernte. Bratkartoffeln: fast nie. Außer den Makkaroni, die ein wenig wie Nachtisch — heute sagt man „Dessert“ — wirkten, keine Nudeln. Die Spaghetti verharrten in den 50er Jahren noch südlich der Alpen, und Reis kannte man nicht oder hielt ihn für eine chinesische Spezialität.

In Köln lernte ich nicht nur die mittelhochdeutsche Sprache, sondern auch all diese kulinarischen Köstlichkeiten kennen. Ein Lob auf die ersten Italiener, besonders jenen, der in der Ehrenstraße eine Pizzeria eröffnete und damit ein Portal zu neuartigen Genüssen schuf. Es kostete nur wenig mehr als die sonst üblichen kölschen Currywürste und deutlich weniger als die Backhendl im Wienerwald, die die Sonntage in den ersten zwei oder drei Semestern lebenswert machten.

Während der Semesterferien gab es plötzlich einen Grill im Elternhaus, und es wurden Koteletts gegrillt. Oder mal ein Hähnchen. Weil ich noch dünner geworden war als ohnehin, versuchte meine Mutter, mich zu mästen. Jeden Tag Gebratenes — was ist eigentlich Gesottenes? Man kann das im Wörterbuch nachgucken und entdeckt: Es ist Kochfleisch. Das, was ich nicht wollte.

Schweinefleisch war allerdings keine Lösung für mein Gewichtproblem, und ungesund war es natürlich auch, wie jeder Vegetarier bestätigen wird. Allerdings: In den 60er Jahren gab es noch keine nennenswerte Massentierhaltung, Schweine, Rinder, Hühner und Puten wuchsen noch unter halbwegs guten Bedingungen auf — etwa so wie heute „Bioschweine“, „Biorinder“, „Biohühner“, „Bioputen“.

Damals lebten weniger Menschen in Deutschland, die meisten sprachen Deutsch bzw. einen als deutsch bezeichneten Dialekt, und es war einfach zu teuer, jeden Tag Paprikagemüse zu kaufen.

Das änderte sich in den 70er Jahren, als der Putenrollbraten noch gut schmeckte. Aber die Eier waren ungenießbar geworden: Sie rochen nach Fischmehl, mit dem die Legehennen gefüttert wurden. Die Schnitzel schmolzen in der Pfanne zur Hälfte ihrer ursprünglichen Größe zusammen. In den 80ern und erst recht in den 90er Jahren war Putenfleisch ungenießbar geworden. Alle Würztricks halfen nicht mehr.

Die Arnika hat sich in meine Nähe gelegt, und zwar so, dass ich gar nicht Richtung Schlafzimmer marschieren kann. Dabei legt sich allmählich der Grauschleier über meine Augen, die Farben auf dem Monitor waschen aus, die Umrisse der Figuren verwischen, sie werden zu Flecken. So sieht die tägliche Erblindung aus. Taub wäre ich heute auch fast geworden, der Trompetengang verschloss sich, und es hörte sich an, als sei ich unter Wasser.

Bei meinem Übergewicht sollte der Appetit beim Essen nicht kommen, sondern schleunigst verschwinden. Am besten schon, bevor die Gabel das köstlich gebratene Fleischstück das erste Mal in den Mund schiebt. Und da höre ich den Aufschrei der Veganer: Wie kannst Du Dich am Tod der Kreatur laben!?

Ja, ich wäre lieber eine Anemone geworden, dann brauchte ich weder tierische noch pflanzliche Kost. Die Sonne und ein guter Boden würden mir genügen. Aber ich könnte dann keine Bücher schreiben über das Leben als Anemone, nein, nicht mal ein Schleimpilz wäre in der Lage, die Tastatur Deines Notebooks zu bedienen. Und im Sommer trocknete ich dahin, ein paar Monate Leben, ein paar Tage Glück im Regen und mit — Bienen und Hummeln.

Und ich käme immer wieder, im Netz der Tiere und Pflanzen.

© 2010-2020 by Louise Storm


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