Katlas Katzenbuch: Statt eines Vorworts



Katla saß in der Nähe der offenen Balkontür, ganz entspannt, ihre Ohren gespitzt. Draußen hüpfte Weißfeder zum Teller mit den Sultaninen, aß und blickte zu ihr hinüber. Der Amselmann, den wir wegen einiger weißer Federn über dem Schnabel, an der rechten Seite des Kopfes und an der Brust so nannten, hatte ein verkrüppeltes Bein, er zog es an, streckte es gleich wieder aus, um sich abzustützen. Ein Blick in den Himmel, dann machte er sich auf den Weg zum Wasserbecken, hüpfte auf einem Bein und setzte das kranke wie eine Krücke auf. Er trank ein paar Schlucke und holte sich eine weitere Sultanine. Anschließend sicherte er nach oben, hielt den Kopf in die eine und in die andere Richtung.

Dann begann er zu singen, ein leises Lied, das nicht für die anderen Amseln gedacht war, sondern für seine Beschützerin. Die rührte sich nicht, die Glieder glitten ihr immer weiter vom Körper weg, sie wäre jetzt unfähig, zum Sprung anzusetzen. Und sie genoss die Melodie und spürte den Sänger. Es war ein warmer Tag, die Sonne hatte nur wenige Wolken, hinter denen sie sich verstecken konnte. Katla war von Anfang an unsere Ausnahmekatze. Wir wohnten damals im 4. Stock eines Häuserblocks im Südosten von Köln. Für unsere Leser in Übersee und auf der anderen Seite des Globus: Köln ist eine Stadt im Westen Deutschlands, einem kleinen unbedeutenden Land in der Mitte Europas. Dorthin hatte es mich Ende 1966 verschlagen, um an der Universität zu studieren. Hinterher arbeitete ich als Deutschlehrerin in verschiedenen Instituten, meist unterrichtete ich ausländische Studenten. Bis unsere Katzen, die Protagonisten unserer Geschichte, in unser Leben traten, vergingen zwei weitere Jahrzehnte. Katla holten wir sogar erst nach der Jahrtausendwende im Jahre 2004 zu uns. Sie kam zusammen mit ihrem Halbbruder Paul, einem Kater, der nur wenig kleiner war als ein Serval aus der Serengeti, eben solch lange Beine hatte, mit denen er in zwei Sätzen durch unser großes Wohnzimmer springen konnte, einen langen Schwanz wie ein Gepard und den ausgeprägt länglichen Schädel der Asiatischen Goldkatze. Beide stammten aus einer illegalen Zucht, die vom zuständigen Veterinäramt aufgelöst worden war. Sie sollten angeblich Bengalen sein, aber wir fanden später hinreichende Beweise, daß ihre Mutter eine Fischkatze war und sie zwei verschiedene Bengalen als Väter hatten. Paul war gutmütig und zutraulich und hatte Augen und einen Blick, der uns jedes Mal schwach werden ließ, wenn er uns anschaute. Katla hingegen war scheu, wie Wildkatzen eben so sind, und ließ sich nicht anfassen.

Zwei Jahre zuvor war Kachichu (gesprochen „Katschitschu‟) zu uns gelangt. Wie Katla und Paul stammte sie aus einem Tierheim im Landkreis Neuss im Norden von Köln, sie war seelisch und körperlich sehr verletzt und verließ uns schon nach etwas mehr als zwei Jahren. Bis Ende 2001 lebte Estelle bei uns, insgesamt 14 Jahre. Anders als die Tierheimkatzen, die bereits grausame Schicksale hinter sich hatten, war Estelle lediglich ein knappes Jahr in der Obhut einer alleinstehenden Lehrerin gewesen, die sehr viel reiste und ihre Katze entsprechend oft allein ließ. Ihre Heimat war der Hunsrück, ein waldreiches Mittelgebirge südlich von Eifel und Mosel und teilweise dünn besiedelt. Kachichu stammte aus Kreta oder einer der griechischen Mittelmeerinseln, sie hatte den zarten Körperbau der im östlichen Mittelmeerraum beheimateten Katzen und ein dünnes Fell. Estelle legte sich hingegen im Herbst schon einen dichten Winterpelz zu, den sie bis weit in den April hinein trug. Die Mutter von Paul und Katla war eine Vietnamesin, doch dazu später mehr. In ihrem Buch ist nicht nur von Katzen und Menschen die Rede, von ihrem Zusammenleben, Zueinanderfinden und Zusammensein. Estelle, Katla und die anderen Katzen führten die Autorin auch zu Wesen, die unsichtbar und daher den Menschen in den Kulturen der westlichen Welt als nicht existent erscheinen, wohl aber den Angehörigen der indigenen Völker in Sibirien, Zentral-, Süd-, Südost- und Ostasien, Afrika, Neuguinea, Australien und Amerika – und unseren Vorfahren. Katla selbst ist eine Schamanin; sie hilft den Geistern und den Lebewesen und heilt ihre Krankheiten, soweit dies in ihrer Macht steht. Seit einigen Jahren kümmert sie sich besonders um Vögel. Nicht als Jägerin, sondern als spirituelle Schutzherrin.


© 2017-2020 by Louise Storm


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