Bremen II (für meine DAF-SchülerInnen)


Auf dem Marktplatz in Bremen, wo die Straßenbahnlinien in Ost-West- und in Nord-Süd-Richtung sich kreuzten, stand in den späten 1950er/frühen 1960er Jahren Sonntagnachmittag für Sonntagnachmittag ein großer, hagerer Kerl und verkaufte für 10 Pfennig die Lotto- und Totoergebnisse, die auf einem kleinen Handzettel zusammengefasst waren. Damals fanden die meisten großen Sportereignisse noch sonntags statt, und die Lotto- und Totozahlen kamen erst relativ spät heraus - übers Radio natürlich, denn das Fernsehen war noch längst nicht so verbreitet. Wenn die 2 nach Sebaldsbrück oder die 3 nach Gröpelingen oder die 4 nach Horn eintraf, stürzte sich die hagere Gestalt auf die aussteigenden Fahrgäste und rief im Stakkato: "Lotto, Toto! Lotto, Toto!" 

Ich werde sie nie vergessen, diese lange Nase, die er in alle Himmelsrichtungen drehte. Auch wenn ich irgendwo in Amerika oder Afrika an meinem künftigen Grab stehen werde. Ich habe selber nie einen seiner Zettel in der Hand gehalten, geschweige ihm abgekauft. Die Domtürme schauten herab, der steinerne Roland sah desinteressiert drüber hinweg. Und dann kam die 3 zum Weserwehr, in die musste ich einsteigen. Als sie über die Schienenkreuzung rumpelte, wischte sich der Hagere den Schweiß aus der Stirn. Ich dachte an den Kuchen, den es zum Kaffee geben sollte.

© 1992-2020 by Louise Storm

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