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Es werden Posts vom Juli, 2020 angezeigt.

der untergang der pamir

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als die viermastbark pamir mit dreihundert
rauschebärtigen matrosen an bord auf ihrer vielwöchigen fahrt von argentinien nach hamburg im südatlantik plötzlich versank wäre der kessel unseres dampfradios fast geplatzt mein vater, pensionierter kapitän eines abgewrackten küstenschoners, hatte vergessen, das ventil aufzudrehn, so aufgeregt war er aber meine mutter rettete das gute stück und so saßen wir in unseren salzwasserverwaschenen joppen aus segeltuch die ganze nacht und gedachten der gefahren der christlichen seefahrt.
© 1980-2020 by Louise Storm

Aus: Louise Storm: Love Poetry. Ausgewählte politische Gedichte aus 3 Jahrtausenden. Bislang unveröff. Gedichtband



Bremen II (für meine DAF-SchülerInnen)

Auf dem Marktplatz in Bremen, wo die Straßenbahnlinien in Ost-West- und in Nord-Süd-Richtung sich kreuzten, stand in den späten 1950er/frühen 1960er Jahren Sonntagnachmittag für Sonntagnachmittag ein großer, hagerer Kerl und verkaufte für 10 Pfennig die Lotto- und Totoergebnisse, die auf einem kleinen Handzettel zusammengefasst waren. Damals fanden die meisten großen Sportereignisse noch sonntags statt, und die Lotto- und Totozahlen kamen erst relativ spät heraus - übers Radio natürlich, denn das Fernsehen war noch längst nicht so verbreitet. Wenn die 2 nach Sebaldsbrück oder die 3 nach Gröpelingen oder die 4 nach Horn eintraf, stürzte sich die hagere Gestalt auf die aussteigenden Fahrgäste und rief im Stakkato: "Lotto, Toto! Lotto, Toto!" 
Ich werde sie nie vergessen, diese lange Nase, die er in alle Himmelsrichtungen drehte. Auch wenn ich irgendwo in Amerika oder Afrika an meinem künftigen Grab stehen werde. Ich habe selber nie einen seiner Zettel in der Hand gehalten, gesc…

XY-Tatort

Das ist Frau Gisela Müller aus der Beckerstraße 17 in Essen-Frillendorf. Frau Gisela Müller verlässt täglich ihre Wohnung um 7 Uhr 14. Sie braucht zirka 8 Minuten bis zur Bushaltestelle. Acht Minuten, meine Damen, in denen sie das Opfer eines Gewaltverbrechens werden könnte. Auch an diesem Morgen, es ist Dienstag, der 11. November 1989, geht Frau Gisela Müller wie üblich zur Haltestelle, um den 33er Bus um 7 Uhr 29 zu erreichen, der sie kurz vor die Tore ihres Betriebes bringen soll. Ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Vorgesetzten und Nachbarn kennen Frau Gisela Müller als zuverlässige, pünktliche, gewissenhafte Kollegin und Mitarbeiterin. Denn gewöhnlich hält der 33er Bus um 7 Uhr 53 in der Nähe des Werkstores. Frau Gisela Müller benötigt exakt 3 Minuten von der Haltestelle bis zum Pförtner und noch einmal 3 Minuten vom Pförtner bis zu ihrem Arbeitsplatz. Ihr unmittelbarer Vorgesetzter, Herr Eberhard Stockenheim, sagte aus, dass er seine Uhr nach der Ankunft von Frau Gisela Müller s…

151 Jahre nach seinem Tode

151 Jahre nach seinem Tode Verließ Goethe den Kölner Hauptbahnhof und fragte Sich nach dem Kulturdezernenten Durch, warum, Herr Habe ich noch nicht den Heinrich-Böll-Preis bekommen, bin ich Ihnen nicht preiswürdig genug Herr Goethe, sagte der So Gefragte, leider bin ich Hier völlig unzuständig

© 1990-2020 by Louise Storm

Deutschland im Winter 1990

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deutschland im winter 1990 vom rhein bis an die oder meine 35 quadratmeter wohnfläche gehör'n mir nicht, ich teile sie mit dir und estelle, befristet hab' ich einen halbtagsjob, danach anspruch auf arbeitslosengeld, derweil steigen die mieten und preise, offenbar sind wohnungen für millionäre
© 1990-2020 by Louise Storm


Die Blicke liebten sich

Die Blicke liebten sich, mitten auf dem Trottoir Riß er ihr die Unterhosen runter, warf Handtücher vors Schaufenster, bevor der Polizist aussteigen konnte, hatte er Nasse Beine, blutige Beine, Liebe, rief er Nichts als Liebe, und schoß
© 1990-2020 by Louise Storm

Frühlingslied

Im Märzen liegen die Bauern Wie tote Fritten im Schaufenster Ausgestopfte Kaninchen brüten Lebenslügen aus, fern Das Gebimmel der Schneeglöckchen
© 1990-2020 by Louise Storm

Gestern abend flog ich nach Memphis

Gestern abend flog ich nach Memphis Die Leichenhalle war schon voll Da lag der kleine Elvis, zusammengeschrumpft
Zu einer kleinen blauen Kugel Mit einer Krone aus Würmern, die Fans Trugen goldene Masken, die Musik spielte Das Fernsehen war auch da, und die Luft Pappte an der Haut und unter den Augen Und dann kamen sie: die Band, Bob Dylan Hatte seine Gitarre vergessen, aber seine Mundharmonika, die lag im Grab von Jimi Hendrix Den sie verbrannt haben, die Weißen Elvis konnte sich nicht bewegen, der Wind Aus dem himmelblauen Garten zog seine Hochhackigen Stiefel aus, und Elvis sang Aus den zweihundert Lautsprechern unter der Kuppel, die Prediger hielten inne, die Fans Nahmen ihre Masken ab und starben langsam Bis Bob Dylan und seine Band gingen Und draußen den Notarztwagen bestiegen

© 1990-2020 by Louise Storm

Seemannsgrab

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am graben ging er, der leise
vater, mit einer sichel in der hand, sichelte er gras ab für den kaninchenstall daheim der leise vater dachte an die familie, er mästete sie, er schnitt das saftige gras neben dem niedrigen wasser, das im graben stand, ein frosch rettete sich hinein, er kam von der arbeit und ging heim da stolperte er, der leise vater und wurde später gefunden von seiner tochter mit dem gesicht im wasser

© 1989-2020 by Louise Storm

Memory of J.R. Franz Mr. Franz was a carpenter on a sailing ship.
He saw the waves and the sea gulls flying behind the stern.
© 2020 by Louise Storm

"Passat is a German four-masted steel barque and one of the Flying P-Liners, the famous sailing ships of the German shipping company F. Laeisz. She is one of the last surviving windjammers. (The name "Passat" is German for trade wind.)" Wikipedia
Photo by Louise Storm ca. 1962

Beschreibung unserer Wohnung

Wir sind zu viert, drei Katzen und eine Halbkatze, so hausen wir in einem abgetrennten Areal in der vierten Etage eines Hauses. Ich habe vor Jahren ein Schild an die Wohnungstür angebracht: „Sie verlassen den demokratischen Sektor Berlins“. Das gab es in einem Laden, in dem mit Geschichtsmüll gehandelt wurde.Das Haus zeigt immer mehr, daß es im Wald steht. Spinnen übernehmen die Wohnung, sogar Springspinnen zeigen sich, zumindest auf dem Balkon. In diesen heißen Tagen schütte ich täglich viel Wasser — aber nicht ins Innere der Wohnung, sondern auf den Balkon: in das zu einem Miniplanschbecken für Karen umgewidmete Katzenklo, auf den Boden, in den Balkonkasten und den großen grünen Topf mit der Erde, der aus dem Balkonkasten stammt.Die Waldbewohner lassen nicht locker, die Vögel beklagen sich nicht, weil ihnen die hohen Häuser zupaß zu kommen scheinen, sie können sie als Felsen brauchen — solange sie nicht zerfallen sind.Was wäre, wenn Ilona und ich eines Morgens aufwachen, aber die üb…

Warum bin ich keine Cuxhavenerin

Warum bin ich keine CuxhavenerinWattwürmer kauend, hocke ichAn der Alten Liebe und pisseGegen den Wind. GeborenZwischen zwei SekundenHab ich den Sprung ins LebenVerpasst, ein Tiefausläufer liegtVor der Kölner Bucht, die GischtFegt der Sturm über die RelingUnd die Lügner von BordDes Hausboots. Das eine undDas andere Gesicht, auf FolienSchwarze Kleckse, treiben hinausAm Abend suchen HundeZwischen den Müllbergen am Strand.
© 2020 by Louise Storm

Die Eifelkatze (aus: Katlas Katzenbuch)

Es war ein erster warmer Junitag des Jahres 1980. Ich hatte mir den Liegestuhl aufgebaut und mich auf der Sonnenseite der umgebauten Scheune in einem Eifeldorf in der Nähe von Prüm draufgelegt. Einige Wolken zogen durch den hellblauen Himmel in Richtung Osten, in der Ferne war ein Phantomjäger vom amerikanischen Fliegerhorst gestartet und lärmte durch die Stille. Kaum ein Wind ging, und ich hoffte, daß es in den nächsten Tagen meines Besuchs ein ebenso ruhiges und warmes Wetter geben würde.Die ehemalige Scheune hatten eine Freundin und ihr damaliger Lebensgefährte von einem Bauern angemietet. Sie schrieb hier ihre akademischen Arbeiten, er malte in seinem Atelier Bilder. Ein Vogel setzte sich auf das Dach, ich sah ihn nicht, konnte ihn aber gut hören. Es hörte sich ein wenig an wie eine Handluftpumpe, mit der man einen Fahrradschlauch aufpumpt. Ich hatte ihn im Scherz „Luftpumpenvogel“ genannt. Wie er tatsächlich hieß, wusste ich nicht.„Ist dir nicht zu warm?“ fragte eine Stimme plötz…

warum sollte ich gedichte schreiben

warum sollte ich gedichte schreibenüber einen allmählich dunkelnden himmelsträucher mit grauen blättern, vogelkadaverunter überquellenden papierkörbendie regenwürmer haben nicht überhandgenommenunter den steinen ist es feucht wie jeund nacht, die erde schmeckt noch warmam späten abend, wenn die krähen heimkehrenauf die leeren parkplätze, kein schnabelist lang genug, sie suchen ja ohnehinin den plastiktüten, ein leiser wind wiegtein junges rattenpaar im kahlen gebüschüber ihrer wohnung, einem ford baujahr 80er zwitschert ihr ein lied vom liebesglücksie denkt an den ausflug morgen frühbevor die mülltonnen hinausrollen: duich lieb dich so, liebst du mich auchkomm, leg dich zu mir bauch an bauch
© 1990-2020 by Louise Storm

Wer wird nicht einen Klopstock loben

wer wird nicht einen klopstock loben, doch wird ihn jeder lesen wie schon lessing in einem epigramm schrieb: du hast du hast du hast im jahre 1831  1931 1831 1781 ein buch in einem göttinger verlag über kloppstock KLOBSTOK klostock klaustock blaustock raubstock hast du ein buch ein broschürtes bebildert reich mit lithographien der mond isst eine ausgelutschte apfelsiehne klopstock herausgebracht, du hast göttinger epigramme, in deinen göttinger anmerkungen, die neuste literatur betreffend hast du was tolstoi was klopstock was hast du in deinen göttinger epigrammen bebildert klopstock ist für mich der größte romancier seit goethe tolstoi proust cervantes der mond schrieb er der mond  ist eine ausgelutschte apfelsine eine zerknautschte apfelsine klopstock stockklop plokkost woskas laubskaus der größte mond seit tolstoi in seinen annalen notiert die ausgabe letzter hand, zwischen zwetschgen wie lessing noch erwähnte als er den folianten anhob, die hand, die feder in seinen epigrammen an proust
© 2011-2020 by Louise S…

Vom Appetit

Meine Oma sagte immer, Appetit komme beim Essen. Der Fraß, den sie zusammenkochte, wurde allerdings auch durch langsames, einstündiges Hineinwürgen nicht besser. Essen als Disziplinierung, verabreicht nach der Schule und vor den Hausaufgaben. Andere Leute meinten, Liebe gehe durch den Magen. Ich kenne nur eine, deren Kochkunst immer auch mit Liebe verbunden war und ist und die sich von Anfang an um Geschmack bemüht hat.Bei anderen wurden die Gerichte schnell zur Routine: etwas Hackfleisch, drei Zwiebeln kleingeschnitten, Oregano und Tabasco, fertig ist die Spaghettisauce. Aber es schmeckt nicht. Es schmeckt nur scharf. Man hätte gleich Chilischoten hineingeben können, das wäre farbiger geworden.Die schönen Heringe. Am frühen Morgen waren sie in einem Logger an der Kaje in Elsfleth angekommen, und die Besatzung verkaufte sie an die Kunden, die so früh aus dem Bett gefunden hatten. Meine Oma hat die beiden Fische in einen Topf mit weißem Sud gelegt: Dort waren sie wie Gefangene, die nic…

Der Mann auf dem Dach

Auf der Jalousie des Schlafzimmerfensters zeichnete sich der Schatten eines Menschen ab. Nur für wenige Augenblicke, dann ist er verschwunden. „Hast du das gesehen?“ fragte ich Louise.„Was gesehen?“„Da ist jemand über unser Fenster aufs Dach geklettert.“„Das glaube ich nicht“, sagte Louise.Ich legte mich wieder hin und versuchte, die Erscheinung als Einbildung zu begreifen und – zu vergessen. Ganz gelang mir das nicht, denn ich malte mir aus, dass diese Gestalt, deren Schatten ich zu sehen geglaubt hatte, vielleicht auf dem Dach lebt. Eine Art menschlicher Dachmarder oder etwas viel Schrecklicheres: ein böser Geist, der darauf wartete, daß ich eingeschlafen war und er wieder heruntersteigen könnte, um dann in meinen Alpträumen großes Unheil anzurichten.Nichts dergleichen hingegen passierte. Als ich gegen zwei aufwachte, um aufs Klo zu gehen, hatte ich gerade geträumt, in der Universität eine freie Toilette zu suchen. Im Hauptgebäude im Keller, in allen Zweigen: Überall hingen Menschen…

Köln

Die Stadt ist grau, die Fahrt über die Severinsbrücke, rechts die Altstadt, Dom, Groß St. Martin, neue Hotels, Hochhäuser, links und rechts der breite Strom. Nie war ich woanders als hier. Oder in einem fernen Gebirge, in einem Tal auf einer Burg. Oder wo die Sümpfe sind. In einem Kloster in Spanien, wo ein Mann, ein Mönch mich mit einem Beil erschlagen hat. Woher ich komme, weiß ich nicht.Die Stadt ist grau, die Seeschiffe melden ihren Weg durch den düsteren Novembernebel. Die Kirche, ein Backsteinbau, wie ein Bauwerk auf einer ostfriesischen Insel, zwischen Seegras hier und der Sturmflut dort, sie leckt am Deich, sie zerrt am Leben. Das Nebelland, die Wasserkinder. Das Lachen der Furchtlosen, das Lachen in die Furcht hinein. Die Stadt ist ein grauer Hafen, es riecht nach Öl. Die Stirn am Bullauge, die Fliegen, die kranken Fliegen kommen. Die Finger liegen abgebissen unterm Tisch. An den Rollkragenpullover aufgehangen: die Matrosen. Sie schaukeln über die Reling hin. Die Welt schrump…

auf dem hauptbahnhof, morgens (aus "Neues aus Frechen")

auf dem hauptbahnhof, morgenstrat mir jesus in den wegirrer blick, weißeshaar, streckte die hand aushaste mal ne zigarette, mädchennein, log ichbarsch und ranntedie treppe hoch zu meinem zug(c) by Louise Storm

ON SATURDAY (Die Spinne)

on saturday (saturn before sun)i had my 51st anniversary of having seen many people dying without leaving this world but my life they stood at the windows with flat noses and dead eyes their mouths i always stared at their mouths small lips thin lips fat lips white or brown teeth they uttered words without meaning scattered syllables like ashes on the floor
© by Louise Storm

Die Spinne. Gedichte

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Die Spinne und andere Philosophen   🐾­
Kindle Ausgabe Amazon   🐾  
von Louise Storm    🐾
40 Gedichte aus dem Gebiet, wo sich die tektonische Platte mit dem Kontinent unserer Zivilisation unter die tektonische Platte der Zukunft der Erde schiebt. Es gibt Erdbeben, und Vulkane tun sich auf. Leben (und Sterben) auf zwei, vier, sechs oder acht Beinen.
Louise Storm beobachtet in ihren Gedichten aus den Jahren 1988 bis 1991 teils Vorgänge in der Natur und, wie wir sie erleben können, die Farbtöne, Klänge, Geruchsnuancen. Die Tiere und Pflanzen, die die Texte bevölkern, bilden nicht nur Spiegel, sie führen ein eigenes Dasein, auch gegen das dichtende Ich.

Sieben Gedichte eines Zyklus aus den späten 1970er Jahren liegen als Bonustexte bei. Dazu Fotos und Graphiken zu Pflanzen und Tieren.

Rezension bei Amazon:
"Gedichte haben es schwer. Die einer Debütantin noch mehr. Um so mehr erstaunt, dass man entdecken muss, wie sehr diese Texte in der Tradition der modernen Lyrik verwurzelt sind.

Am meis…