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der untergang der pamir

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als die viermastbark pamir mit dreihundert
rauschebärtigen matrosen an bord auf ihrer vielwöchigen fahrt von argentinien nach hamburg im südatlantik plötzlich versank wäre der kessel unseres dampfradios fast geplatzt mein vater, pensionierter kapitän eines abgewrackten küstenschoners, hatte vergessen, das ventil aufzudrehn, so aufgeregt war er aber meine mutter rettete das gute stück und so saßen wir in unseren salzwasserverwaschenen joppen aus segeltuch die ganze nacht und gedachten der gefahren der christlichen seefahrt.
© 1980-2020 by Louise Storm

Aus: Louise Storm: Love Poetry. Ausgewählte politische Gedichte aus 3 Jahrtausenden. Bislang unveröff. Gedichtband



Bremen II (für meine DAF-SchülerInnen)

Auf dem Marktplatz in Bremen, wo die Straßenbahnlinien in Ost-West- und in Nord-Süd-Richtung sich kreuzten, stand in den späten 1950er/frühen 1960er Jahren Sonntagnachmittag für Sonntagnachmittag ein großer, hagerer Kerl und verkaufte für 10 Pfennig die Lotto- und Totoergebnisse, die auf einem kleinen Handzettel zusammengefasst waren. Damals fanden die meisten großen Sportereignisse noch sonntags statt, und die Lotto- und Totozahlen kamen erst relativ spät heraus - übers Radio natürlich, denn das Fernsehen war noch längst nicht so verbreitet. Wenn die 2 nach Sebaldsbrück oder die 3 nach Gröpelingen oder die 4 nach Horn eintraf, stürzte sich die hagere Gestalt auf die aussteigenden Fahrgäste und rief im Stakkato: "Lotto, Toto! Lotto, Toto!" 
Ich werde sie nie vergessen, diese lange Nase, die er in alle Himmelsrichtungen drehte. Auch wenn ich irgendwo in Amerika oder Afrika an meinem künftigen Grab stehen werde. Ich habe selber nie einen seiner Zettel in der Hand gehalten, gesc…

XY-Tatort

Das ist Frau Gisela Müller aus der Beckerstraße 17 in Essen-Frillendorf. Frau Gisela Müller verlässt täglich ihre Wohnung um 7 Uhr 14. Sie braucht zirka 8 Minuten bis zur Bushaltestelle. Acht Minuten, meine Damen, in denen sie das Opfer eines Gewaltverbrechens werden könnte. Auch an diesem Morgen, es ist Dienstag, der 11. November 1989, geht Frau Gisela Müller wie üblich zur Haltestelle, um den 33er Bus um 7 Uhr 29 zu erreichen, der sie kurz vor die Tore ihres Betriebes bringen soll. Ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Vorgesetzten und Nachbarn kennen Frau Gisela Müller als zuverlässige, pünktliche, gewissenhafte Kollegin und Mitarbeiterin. Denn gewöhnlich hält der 33er Bus um 7 Uhr 53 in der Nähe des Werkstores. Frau Gisela Müller benötigt exakt 3 Minuten von der Haltestelle bis zum Pförtner und noch einmal 3 Minuten vom Pförtner bis zu ihrem Arbeitsplatz. Ihr unmittelbarer Vorgesetzter, Herr Eberhard Stockenheim, sagte aus, dass er seine Uhr nach der Ankunft von Frau Gisela Müller s…

151 Jahre nach seinem Tode

151 Jahre nach seinem Tode Verließ Goethe den Kölner Hauptbahnhof und fragte Sich nach dem Kulturdezernenten Durch, warum, Herr Habe ich noch nicht den Heinrich-Böll-Preis bekommen, bin ich Ihnen nicht preiswürdig genug Herr Goethe, sagte der So Gefragte, leider bin ich Hier völlig unzuständig

© 1990-2020 by Louise Storm

Deutschland im Winter 1990

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deutschland im winter 1990 vom rhein bis an die oder meine 35 quadratmeter wohnfläche gehör'n mir nicht, ich teile sie mit dir und estelle, befristet hab' ich einen halbtagsjob, danach anspruch auf arbeitslosengeld, derweil steigen die mieten und preise, offenbar sind wohnungen für millionäre
© 1990-2020 by Louise Storm


Die Blicke liebten sich

Die Blicke liebten sich, mitten auf dem Trottoir Riß er ihr die Unterhosen runter, warf Handtücher vors Schaufenster, bevor der Polizist aussteigen konnte, hatte er Nasse Beine, blutige Beine, Liebe, rief er Nichts als Liebe, und schoß
© 1990-2020 by Louise Storm

Frühlingslied

Im Märzen liegen die Bauern Wie tote Fritten im Schaufenster Ausgestopfte Kaninchen brüten Lebenslügen aus, fern Das Gebimmel der Schneeglöckchen
© 1990-2020 by Louise Storm