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Landschaft bei Bremen

Häuser, die Bäume versinken In den trüben Abwässern der Chaussee.  Wie eisiges Wasser fließt der Nebel Durchs Gesicht. Aber du gehst Die grünen Lappen der Blätter hängen Reglos und das dort Was aussieht wie ein Seegespenst Das Gebüsch neben dem Graben. Ein Mensch mit seiner Atemfahne Verschwindet, und du trägst Durch die Stille deinen Kopf Weiter, das Gesicht Diese tränenlos nassen Augen und diese Wässrige Kälte rings © 1965, 1978, 2010 by Louise Storm

Ode an eine Pappel

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  wenn im winter die moore und die finger steifgefroren, ewige du wiegend im sommerwind, als gäbe es keine motorsägen und weißgebleichten schädel, der duft der see kämmt durch mein hochgestrecktes langes haar © 2010 by Louise Storm

Ödnis Montag früh

Der Unterschied zwischen Sonntag und Montag ist minimal. Sonntags in der Früh ist es ruhig, fast still. 24 Stunden später beginnen die LKWs schon in der Nacht um drei und fahren unterm Fenster vorbei. Die Unruhe kehrt brutal zurück, die am Sonntag erst später in der Mittagszeit angestiegen war. Ja, sie haben keine Ruhe im Hintern, die Menschen. Wie die ununterbrochen herumturnenden Affen im Gehege. Und am Montag fahren die einen von Langel nach Ratingen östlich von Düsseldorf, die anderen von Ratingen nach Eil zur Arbeit. Die Autobahnen sind verstopft, vor den Ampeln warten die Blechlawinen auf die nächste Grünphase. Wäre es da nicht einfacher, die Langeler und die Ratinger würden ihre Wohnung tauschen oder ihr Haus? Vielleicht nach der Probezeit? Oder nach zwei Jahren, da offenbar keine Entlassungen anstehen, und der Gatte noch keine Aufforderung erhalten hat, die nächsten Jahre in Hotelzimmern zu wohnen in irgendeiner gesichtslosen Stadt. Warum eigentlich noch feste Bleiben, wenn der

der untergang der pamir

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als die viermastbark pamir mit dreihundert rauschebärtigen matrosen an bord auf ihrer vielwöchigen fahrt von argentinien nach hamburg im südatlantik plötzlich versank wäre der kessel unseres dampfradios fast geplatzt mein vater, pensionierter kapitän eines abgewrackten küstenschoners, hatte vergessen, das ventil aufzudrehn, so aufgeregt war er aber meine mutter rettete das gute stück und so saßen wir in unseren salzwasserverwaschenen joppen aus segeltuch die ganze nacht und gedachten der gefahren der christlichen seefahrt. © 1980-2020 by Louise Storm Aus: Louise Storm: Love Poetry. Ausgewählte politische Gedichte aus 3 Jahrtausenden. Bislang unveröff. Gedichtband Pamir (Wikipedia)

Bremen II (für meine DAF-SchülerInnen)

Auf dem Marktplatz in Bremen, wo die Straßenbahnlinien in Ost-West- und in Nord-Süd-Richtung sich kreuzten, stand in den späten 1950er/frühen 1960er Jahren Sonntagnachmittag für Sonntagnachmittag ein großer, hagerer Kerl und verkaufte für 10 Pfennig die Lotto- und Totoergebnisse, die auf einem kleinen Handzettel zusammengefasst waren. Damals fanden die meisten großen Sportereignisse noch sonntags statt, und die Lotto- und Totozahlen kamen erst relativ spät heraus - übers Radio natürlich, denn das Fernsehen war noch längst nicht so verbreitet. Wenn die 2 nach Sebaldsbrück oder die 3 nach Gröpelingen oder die 4 nach Horn eintraf, stürzte sich die hagere Gestalt auf die aussteigenden Fahrgäste und rief im Stakkato: "Lotto, Toto! Lotto, Toto!"  Ich werde sie nie vergessen, diese lange Nase, die er in alle Himmelsrichtungen drehte. Auch wenn ich irgendwo in Amerika oder Afrika an meinem künftigen Grab stehen werde. Ich habe selber nie einen seiner Zettel in der Hand gehalten

XY-Tatort

Das ist Frau Gisela Müller aus der Beckerstraße 17 in Essen-Frillendorf. Frau Gisela Müller verlässt täglich ihre Wohnung um 7 Uhr 14. Sie braucht zirka 8 Minuten bis zur Bushaltestelle. Acht Minuten, meine Damen, in denen sie das Opfer eines Gewaltverbrechens werden könnte. Auch an diesem Morgen, es ist Dienstag, der 11. November 1989, geht Frau Gisela Müller wie üblich zur Haltestelle, um den 33er Bus um 7 Uhr 29 zu erreichen, der sie kurz vor die Tore ihres Betriebes bringen soll. Ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Vorgesetzten und Nachbarn kennen Frau Gisela Müller als zuverlässige, pünktliche, gewissenhafte Kollegin und Mitarbeiterin. Denn gewöhnlich hält der 33er Bus um 7 Uhr 53 in der Nähe des Werkstores. Frau Gisela Müller benötigt exakt 3 Minuten von der Haltestelle bis zum Pförtner und noch einmal 3 Minuten vom Pförtner bis zu ihrem Arbeitsplatz. Ihr unmittelbarer Vorgesetzter, Herr Eberhard Stockenheim, sagte aus, dass er seine Uhr nach der Ankunft von Frau Gisela Müller s